Warum HDTV ein Flopp wird (wenn man so weitermacht, wie bisher)

Interesse

Zwar hört man immer wieder Klagen über die mangelnde Qualität des Fernsehens, doch diese Klagen beziehen sich seltenst auf mangelnde Bildqualität. Auch bei normalen Geräten erfreut sich die Billigkategorie unter CHF 500.-, die noch nicht einmal die über 10 Jahre alte 100Hz Technik beherrscht, beachtlicher Beliebtheit. Auch ist auf einem Bildschirm durchschnittlicher Grösse der Unterschied zwischen PAL und HDTV fast nur im Direktvergleich feststellbar.

Interesse zeigt sich dementsprechend vor allem in der Fraktion der Heimkinoanhänger. Diese stellen aber einen relativ kleinen Anteil an der Bevölkerung dar, was HDTV praktisch zu einem Nischendasein verdammt. Erst wenn die Elektronik günstig genug ist, dass sie für Kunden interessant wird, die einfach nur einen Fernseher wollen, wird eine höhere Verbreitung allmählich realistisch.

Kompression

Als Kompressionsstandard wurde in Europa H.264 (AVC) anstelle des in Übersee üblichen MPEG2 gewählt. Das wäre eine gute Entscheidung, wenn man HDTV in 2-4 Jahren auf den Markt bringen wollte. Derzeit ist die Technik dafür nicht wirklich bereit: Die wenigen, verfügbaren Empfänger erzeugen Abwärme in der Grössenordnung eines kleinen Heizelements.

Auflösungen

Die zwei erlaubten Auflösungen (1280x720 und 1920x1080) stehen in einem ungünstigen Verhältnis zueinander. Digitale Systeme wie Plasma, LCD (TFT), LCOS oder DLP können nur auf eine davon optimiert werden. Die jeweils andere erscheint zwangsläufig unscharf, da sie umskaliert werden muss. Schlimmer noch: Die meisten verfügbaren Geräte sind auf 720 Zeilen optimiert (ist billiger), es wird aber erwartet, dass die meisten TV-Sender mit 1080 Zeilen senden werden. Auch bei den Videodatenträgern zeichnet sich dieser Trend ab. Fein raus ist die alte CRT-Technologie, die mit theoretisch beliebigen Auflösungen arbeiten kann. Nur sind diese Ungetüme gerade für potentielle HDTV-Kunden wenig attraktiv. Nebenbei: Plasmabildschirme sind für HDTV mässig geeignet, da sie konstruktionsbedingt Mühe haben, die Auflösung zu erreichen.

Hintergrund dieses Debakels: Man wollte als Standard 1920x1080 mit der für TV üblichen interlaced Übertragung bei 50Hz (also 50 Halbbilder pro Sekunde), und zusätzlich eine Variante für progressive Übertragung bei 50Hz (also 50 Vollbilder pro Sekunde), die aber nicht mehr Bandbreite belegen durfte. Der Entscheid ist schwer nachvollziehbar, da 25 Vollbilder pro Sekunde völlig ausreichend sind, und man somit ruhig mit der vollen Auflösung hätte fahren können. Im Grunde wäre dafür nicht mal ein spezieller Modus notwendig, da interlaced übertragenes Material sich auch progressiv darstellen lässt, was jeder 100Hz Fernseher heute schon macht.

Verkabelung

Lange Zeit wurde YUVC als Verkabelungsstandard gehandelt, und wo HDTV bereits Realität ist, wird auch häufig YUVC verwendet. Dementsprechend sieht die Ausrüstung der Pioniere auf Käuferseite aus. Nun wurde für Europa statt dessen HDMI/HDCP als Standard festgelegt (bzw. DVI/HDCP, was im Grunde dasselbe ist). YUVC ist zwar weiterhin vorgesehen, aber mit einem dicken Pferdefuss belegt: Empfänger können durch ein Kommando des Senders dazu gezwungen werden, über den YUVC Ausgang nur PAL Auflösung auszugeben, oder den Ausgang gar komplett zu sperren. Verständlicherweise sind viele Pioniere darüber sehr verärgert, und wollen jetzt lieber erst mal abwarten. Gerade sie wären für das Startgeschäft aber eminent wichtig.

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In den Geschäften kann HDTV nicht gut präsentiert werden, da es an entsprechendem Material mangelt. Zwar sieht man allmählich in den einen oder anderen Geschäften eine HDTV-Demo, jedoch fehlt in der Regel ein Vergleich zur herkömmlichen Auflösung. Der Kunde kann somit nur sehen, dass die Bildqualität von HDTV gut ist, aber nicht, dass sie besser ist.

Das für die Promotion verwendete HD-Ready Symbol ist irreführend. Es besagt lediglich, dass das Gerät die kleinere Auflösung 1280x720 physikalisch beherrscht, alle Signale irgendwie darstellen kann (nötigenfalls herunterskaliert), und in der Lage ist, per HDMI und YUVC ein Signal von einem externen Empfänger oder Player zu empfangen. Es muss aber nicht zwingend in der Lage sein, HDTV direkt ab Antenne zu empfangen, und derzeit gibt es meines Wissens auch kein Gerät, das dazu in der Lage wäre.

Datenträger

Bei den Datenträgern bekriegen sich zwei inkompatible Formate, nämlich HD-DVD und BluRay. Selbst Experten können derzeit nicht mit Sicherheit vorhersagen, welches sich durchsetzen wird. Immerhin sind die Standards so weit aneinander, dass vermutlich bald Player erscheinen werden, die beide Formate lesen können.

Nutzungseinschränkungen

Wie oben schon erwähnt, kann eine Ausgabe über YUVC per Kommando degeneriert oder komplett unterbunden werden. Auch eine allfällige analoge Übertragung über normale Cinch, S-Video oder SCART Kabel kann man so blockieren. Es bleibt die Übertragung über das verschlüsselte HDMI. Es kann aber durch den Sender auch jegliche Aufzeichnung verhindert werden, was schlecht für Leute mit unregelmässigen Arbeitszeiten ist. Und natürlich sind auch Features wie die Pausetaste für TV-Programme so nicht möglich.

Noch schlimmer ist die Situation bei den Videodatenträgern. Es werden nicht einfach Kopien verhindert. Vielmehr wird es dem Distributor ermöglicht, eine Aktivierung per Internet zu verlangen, und Disks nur für bestimmte Geräte oder nur für eine bestimmte Zeit freizuschalten. Auch pay per view lässt sich so prinzipiell umsetzen, und der Distributor kann detaillierte Daten über das Verhalten des Betrachters gewinnen. Zudem enthalten die Disks eine schwarze Liste angeblich geknackter Geräte. Legt jemand eine Disk ein, und sein Gerät steht auf der Liste, so wird das Lesen jeglicher kopiergeschützter Disks blockiert.

Der Kopierschutz stellt fürs Abspielen am PC hohe Anforderungen an Betriebsystem und Hardware. So wird die Existenz und Nutzung von TPM/TCPA verlangt, ebenso wie die verschlüsselte Videodatenübertragung an die Grafikkarte. Sonys Variante, die auf BluRay zum Einsatz kommen soll, sieht zudem ausführbaren Code vor, der auf dem Computer aktiv nach Software zur Kopierschutzumgehung sucht. Gerade wenn man die Probleme mit Sonys neuestem Audio-CD Kopierschutz bedenkt, ist dies nicht gerade vertrauenserweckend.


© 2006 Christof Bürgi; Neil Franklin

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